Wolf Durmashkin

Musiker
1914 – 1944

 

1914

Wolf Durmashkin wurde 1914 im heutigen Vilnius, einstmals auch das “Jerusalem Litauens“ genannt, als ältestes von drei Kindern jüdisch-polnischer Eltern geboren. Tiefe Religiosität, ein fürsorgliches Miteinander, sowie die ebenso gewissenhafte wie heitere Pflege jüdischer Kultur und eine die gesamte Familie durchziehende Leidenschaft für die Musik sollten sein Leben bestimmen. Sein Vater Akiva genoss einen hervorragenden Ruf als Komponist liturgischer Werke.
Zudem unterrichtete Akiva Musik an jüdischen und hebräischen Schulen, war Chordirektor der Großen Synagoge und als Dirigent verschiedenster Orchester und Chöre tätig.  Namhafte Kantoren wie Moshe Koussevitsky und Yossele Rosenblatt kamen zu den Durmashkins nach Hause um gemeinsam zu komponieren.
In diesem Umfeld musste der erst fünfjährige Wolf nur einmal ein Musikstück hören, um es auf einem Klavier wie selbstverständlich wiedergeben zu können. In Anwesenheit seines Vaters wusste er  schon als Siebenjähriger einen Chor zu dirigieren. Er war in der Lage, die einzelnen Instrumente herauszuhören und Korrekturen an die Musiker weiterzugeben.  Bereits mit elf Jahren ging er erstmals auf eine Konzerttournee und riss seine Besucher in Litauen und Polen zu Begeisterungsstürmen hin.
Nach dem Abitur am hebräischen Gymnasium besuchte er zunächst das Konservatorium seiner Geburtsstadt und ging dann, um sein Studium zu vervollständigen, nach Warschau, wo er Schüler des bekannten russischen Dirigentenlehrers Berdiayev wurde. Von dem über alle Maße talentierten jungen Musiker überzeugt, lehnte dieser es rundweg ab, Geld für die Unterrichtsstunden zu nehmen. Statt nach den üblichen zwei Jahren durfte Wolf Durmashkin schon nach dem ersten Semester öffentlich zum Taktstock greifen.

September 1939


Mit dem Überfall Polens durch die Deutschen und dem damit beginnenden Zweiten Weltkrieg änderten sich – wieder einmal – die Herrschaftsverhältnisse in Vilnius, das, je nachdem von wem es gerade in seiner wechselvollen Geschichte beherrscht wurde, auch Wilno oder Wilna hieß. 1939 wurde die Stadt von der Roten Armee eingenommen und Wolf Durmashkin kehrte zu seiner Familie zurück.

Mit seinem Vater arrangierte er die hebräische Version der Oper Aidaund wurde Leiter des städtischen Sinfonieorchesters. Er feierte einen Erfolg nach dem anderen. Alle von ihm geleiteten Konzerte waren ausverkauft. Überall in der Stadt fanden sich Plakate mit seinem Bild. Kurzum, er war ein Stern am Musikerhimmel, der aber auch wegen seiner menschlichen Wärme und selbstlosen Hilfsbereitschaft geschätzt wurde.

Nachdem die deutsche Wehrmacht am 24. Juni 1941 Vilnius eingenommen hatte, war nichts mehr wie es vorher war. Erstmals wurden im Juli Juden mitten auf der Straße aufgegriffen oder aus ihren Häusern gezerrt und in das berüchtigte Lukiskes-Gefängnis gebracht.

Weitere Aktionen sollten folgen. Erst Monate später wurde bekannt, dass man die inhaftierten Juden vor den Toren der Stadt, in den Wäldern von Paneriai (Ponary) auf einem 5. 000 Quadratmeter großen Areal, erschossen hatte. Unter den Mördern befanden sich zahlreiche litauische Kollaborateure. Obschon Freunde ihn zur Flucht zu bewegen versuchten, blieb Wolf Durmashkin bei seinen Eltern und Großeltern.

September 1941


Im September 1941 wurden Wolf Durmashkin und seine Familie von den Nationalsozialisten in das Große Ghetto verschleppt. Sechs Familien mussten sich eine Wohnung teilen, Lebensmittel waren knapp und die Zukunft mehr als ungewiss. Persönlicher Besitz, Kompositionen und Musikinstrumente, alles mussten sie zurücklassen. Mitbewohner, die außerhalb des Ghettos zur Arbeit für die Nazis gezwungen wurden, legten ein Klavier, das sie in einem geräumten Haus gefunden hatten, Stück für Stück auseinander, versteckten die Teile unter ihrer Kleidung und setzten es im Ghetto wieder zusammen. So geschah es mit vielen weiteren Musikinstrumenten.

Eine Zeit lang konnte Wolf Durmashkin noch das Vilnius-Sinfonieorchester leiten, weil sich die Musiker des Klangkörpers für ihn eingesetzt hatten und ohne ihn nicht zurechtkamen.  Doch auch diese kleine Freiheit fand ihr Ende.

Im Ghetto selbst entwickelte sich Schritt für Schritt ein eigenes Kulturleben. Wolf Durmashkin gründete einen hebräischen Chor und ein Ghetto-Sinfonieorchester. Es entstanden Theater, sowie Literatur, Lyrik, Malerei  – jüdische Kunst und Kultur auf höchstem Niveau. Das erste Konzert unter den ebenso qualvollen wie demütigenden Bedingungen fand am 15. März 1942 statt.

Auf dem Programm standen unter anderem Dvoraks Symphonie Aus der Neuen Welt, Beethovens Neunte, die Ouvertüre zu Mozarts Hochzeit des Figaro und Chopins Klavierkonzert in E-Moll. Zu den einhundert Mitgliedern des Hebräischen Chores gehörte auch Wolfs Schwester Henia Durmashkin. Seine Schwester Fania war Pianistin.

In Konzerten führten sie Händels „Messias“ auf, spielten jüdische Volks- und zionistische Pionierlieder, sangen „Jerushalaim“ oder vertonten Lyrik von H. N. Bialik. Wolf Durmashkins Stück „Elegie von Ponary“, das von dem Massaker auf dem Paneriaigelände inspiriert wurde, gewann den Ghetto – Kompositionspreis. In der Folgezeit, und,  nach der Räuming des Kleinen Ghettos, wurden über 100.000 weitere Menschen auf dem Erschießungsgelände ermordet.

September 1944


1943 schließlich wurde auch das Große Ghetto liquidiert. Nachdem der Leiter des Judenrats, Jacob Gens, ermordet worden war, rief Wolf Durmashkin verzweifelt aus: Das ist das Ende! Wieder wurden die Menschen auf die Straße getrieben, diesmal zur Selektion: Familien wurden auseinandergerissen, alte Leute und Kinder nach links, die jüngeren, arbeitsfähigen Ghettoinsassen nach rechts. Zusammen mit dem Schriftsteller und Tagebuchautor Herman Kruk wurde Wolf Durmashkin zuerst in das estnische Konzentrationslager Klooga und dann nach Lagedi verschleppt.

Bei  Waldarbeiten verletzte er sich und verlor einen Finger. Im September 1944 schließlich wurden Gruppen von jeweils zehn bis zwölf Juden mit Stricken gefesselt, auf Baumstämme gelegt, erschossen und anschließend verbrannt.

Ein paar Stunden vor dem Eintreffen der Roten Armee räumte die SS gewaltsam das Lager. Nur wenige überlebten. Wolf Durmashkin gehörte nicht zu ihnen.

Von den 60.000 im Jahr 1939 in Vilnius lebenden Juden überlebten nur 2.000 den Holocaust.